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Vielleicht liegt es daran, dass seine Frau beim Arzt ist und ihn dazu verdonnert hat, den Kaffee selber zu kochen. Sigmund Jähn bewegt sich in seinem Haus, als sei er dort nur zu Besuch. Es ist eine Villa im Grünen, man erkennt sie schon von weitem, wenn man den Hirschgeweihen an den Fassaden der Häuser in der Gegend um den  Straussee herum gefolgt und in jene Straße abgebogen ist, die nach dem Dichter Theodor Fontane benannt wurde. 

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Den Garten muss ein Designer entworfen haben, der sich nicht zwischen wilder Romantik und deutscher Ordnung entscheiden konnte, uralte Eichen überschatten einen manikürten Rasen, sogar an ein Vogelhäuschen hat der Mann gedacht. Zartbemoost. Hier lebt er also, der Kosmonaut a.D. Sigmund Jähn. „Ich komme gerade aus Moskau zurück“, sagt er, wie um sich dafür zu entschuldigen, dass er in der Küche erstmal nach dem Kaffeepulver suchen muss. 

Sein Job, das ist noch immer sein Lebensinhalt, obwohl er offiziell soeben in Rente gegangen ist. Der Mann, der vor 25 Jahren als erster DDR-Deutscher ins All startete, am 26.August 1978, arbeitete seit 1990 in der Nähe von Moskau in einem Trainingslager für Weltraumfahrer. Kosmonauten, nennt Jähn seine Zunft. Astronauten, sagen die Kollegen aus dem Westen. 

Der feine Unterschied ist das einzige Relikt aus einer Zeit, als der Countdown für den Wettlauf ins All tickte. Als zwei amerikanische Astronauten namens Neil Armstrong und Edwin Aldrin am 19. Juli 1969 als erste Menschen über den Mond tappten und vor den Augen  der ganzen Welt die US-Flagge in den  Boden rammten. Stars and Stripes. Es war auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, durch den Globus ging ein Riss, und auf beiden Seiten wurde jeder technische Fortschritt mit Argwohn registriert. Dass Misstrauen war grenzenlos. Es reichte bis ins Universum. 

Inzwischen ist der Riss nahezu verschwunden. Jähns Schüler kommen aus der ganzen Welt, aus den USA, der Sowjetunion und Europa. Sie teilen die Sorge um das Trinkwasser und die Ozonschicht, und sie träumen davon, in den Weltraumlabors der Internationalen Raumstation (ISS) die Lösungen für die drängenden Probleme Menschheit zu finden. Eine große Familie. 

Jähn könnte sich über diese Entwicklung freuen. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie ihm sein Flug ins All das Tor zur Welt geöffnet hat: Wie er dabei auch Kollegen aus dem Westen begegnet ist. Wie er sich selbst bei dem Gedanken ertappte, dass er sich den Klassenfeind irgendwie anders vorgestellt hatte, „mit einem Dolch zwischen den Zähnen.“ Doch Gefühle zu zeigen, ist nicht seine Art. Vielleicht hat er es auch ein wenig verlernt bei der Vorbereitung auf dem Trip ins „Jähnseits“. Bei den vielen körperlichen und psychologischen Crashtests. Auf dem Schleudersitz oder im Kreuzverhör. 

Zwei Jahre lang hatte er an sich gearbeitet. Nicht in Panik zu geraten, wenn irgendwo eine rote Lampe blinkte, die nicht blinken durfte, im Raumschiff Salut 6, in dem er mit 28.000 Stundenkilometern um die Erde raste wie in der Gondel einer Achterbahn. Alles eine Frage der Disziplin, sagt der Profi. Es ist dieser unbedingte Ehrgeiz, der ihn ins All katapultiert hat, und man weiß nicht, wem er etwas beweisen will, sich selbst oder den anderen. Einer, der Sigmund heißt, darf keine Angst haben. Er ist dazu verurteilt, zu gewinnen. „Schützer des Sieges“, heißt der altdeutsche Name wörtlich übersetzt. Ein Held der DDR, das wurde er. Auch hinter dieser Fassade kann man sich gut verstecken, wenn man will. 

Offene Küche in Weiß, matte Fronten
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“”..Sigmund Werner Paul Jähn. Am 26. August 1978 war es dann soweit: der erste deutsche Kosmo­naut startete gemeinsam mit dem Russen Waleri Fjodorowitsch Bykowski seinen Flug ins All. Mit der “Sojus 31″ machten sich die Raumfahrer auf die Reise zur russischen Orbitalstation “Saljut 6″. Knapp acht Tage lang umkreis­ten die Kosmonauten insgesamt 125 Mal die Erde.

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Wie es dahinter aussieht, weiß nicht einmal einer seiner besten Kumpel, Ulf Merbold, der erste westdeutsche Astronaut im All. Kennengelernt haben sie sich 1984, beim 90. Geburtstag eines gemeinsamen Bekannten in Österreich. Inzwischen sind aus den Kollegen Freunde geworden. Merbold sagt: „Seit der Wende wirkte Sigmund verschlossen. Wie es in seinem Herzen aussah, blieb sein Geheimnis.“ 

Nur gelegentlich gibt der „Held wider Willen“ etwas von sich preis. Etwa, wenn er in seiner 1983 erschienenen Autobiographie „Erlebnis Weltraum“ über den medizinischen Check-up vor dem Trip ins All schreibt. Davon, dass sein Puls schon beim Anblick einer Spritze nach oben ging: „Ich zwang mich, vor den Krankenschwestern keine Schwäche zu zeigen. Ich wollte ja nicht so dastehen oder – richtiger – so daliegen wie einer meiner Mitkandidaten. Dieser war schon blass geworden, als die Kanüle ausgepackt wurde.“ An den Kommentar der Krankenschwester erinnert er sich noch heute: „Sie hätte immer gedacht, für den Weltraumflug würden mutige Männer gesucht.“

Dass er Entbehrungen auf sich nehmen und schnell auf neue Situationen reagieren kann, auch das musste er in der Vorbereitungsphase beweisen. Fähigkeiten, die der Jagdflieger wohl nicht erst während seiner Ausbildung an der sowjetischen Militärakademie Juri Gagarin in Moskau gelernt hat. Sigmund Jähn, am 13. Februar 1937 im vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz als Sohn eines Sägewerkarbeiters und einer Näherin geboren, musste sich schon als Kind durchbeißen, in einer der ärmsten Regionen Deutschlands, mitten im Krieg. Förster oder Lokführer wollte er werden, das war sein Traum. Mit 13 hat er Bücher von Karl May verschlungen, quasi als Kontrastprogramm. „Meine Welt“, sagt er, „war damals an der tschechischen Brettergrenze zu Ende.“ Als er im August 1978 an der Seite seines  Kommandanten Waleri Bykowski in seinem Raumschiff saß, gab es Momente, in denen er sich nach dieser Welt zurückgesehnt hat. Doch ein anderes Gefühl überwog. 

Es fiepte, knatterte und zischte an seinem Arbeitsplatz. Ventilatoren, Pumpen und Motoren erzeugten einen Lärm, wie er ihn aus dem Sägewerk kannte, in dem sein Vater schuftete. Der permanente Pegel entsprach dem Kreischen einer Kreissäge. 90 Dezibel. Doch er hat dabei noch Augen für die Bilder hinter seinem Bullauge gehabt. Von hier oben sah die Erde wie eine bläulich schimmernde Weihnachtskugel aus.

„Zart und  zerbrechlich“, sagt er,  und es klingt aus seinem Mund, als handele es sich nicht um einen steinernen Koloss, sondern um eine selten gewordene Blume. Als Jagdflieger hatte er die Welt schon x-mal von oben gesehen, doch aus dieser Perspektive lehrte sie ihn etwas, das er schon verlernt zu haben glaubte: Staunen. In einer halben Stunde hatte er den Globus umrundet, zwischen Moskau und Washington lag nur ein akademisches Viertel – und die Erkenntnis, dass es keine Grenze gibt, die sich nicht überschreiten lässt. Nur Meere, Flüsse oder Gebirge. 

Heimische Parkett Holzarten im Detail @ diybook
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Eiserner Vorhang oder antifaschistischer Schutzwall, diese Vokabeln hatten eine andere Konnotation bekommen. Zurück auf der Erde, klangen sie plötzlich hohl. An seiner bedingungslosen Treue zum Arbeiter- und Bauernstaat hat sich jedoch nichts geändert. In der gläsernen Vitrine über seinem Sofa hat er sie ausgestellt, in Leder gebundene Miniaturausgaben des „Kommunistischen Manifestes“ oder der „Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik“. Wenn ihn seine neue Weltanschauung in einen Konflikt gestürzt haben sollte, trug er ihn mit sich selber aus. Das sei eben der Preis gewesen, den er dafür zahlen musste, dass ihn das Regime fliegen ließ, resümiert er: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ 

Von seinen Erfahrungen haben Generationen von Raumfahrern profitiert. Der Vater zweier erwachsener Töchter gilt als einfühlsamer Pädagoge. „Ich hätte nicht geglaubt, dass sich der erste Deutsche im All so intensiv und freundlich um uns junge Leute kümmern würde“, schwärmt der spanische ESA-Astronaut  Pedro Duque, Jahrgang 1963, den Jähn 1994 auf die Mission EuroMIR vorbereitet hat. Andere loben seine Geduld und Bescheidenheit. Dem Veteranen sind solche Huldigungen eher unangenehm. Im Ausbildungscamp sei er Mädchen für alles gewesen, brummt er. Dabei haben einige Schüler in ihm nicht nur den Lehrer, sondern auch den Vater gesehen. Sie sind der Vereinigung beigetreten, die er 1985 zusammen mit Ulf Merbold und anderen Kollegen gegründet hat, der Association of Space Explorers (ASE). Es war seine Art, Grenzen zu überwinden. Doch auch mit solchen Ideen geht er nicht hausieren. „Es kann nicht schaden, wenn man sich mit Leuten, mit denen man im All zusammenarbeitet, auch auf der Erde gut versteht.“  

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Inzwischen ist der Kaffee kalt geworden, doch Jähn entspannt sich. Erika, seit 45 Jahren mit ihm verheiratet, ist zurück – und die Kaffeemaschine damit wieder in Betrieb. Wenn man ihn zwischen zwei Bissen Bienenstich fragt, warum er das Angebot des Regisseurs Wolfgang Becker abgelehnt hat, sich selber in dem Kinofilm „Good-bye, Lenin!“ zu spielen, sagt er allen Ernstes: „Mir hat der Film  gut gefallen, ehrlich. Er hat eine komische und eine traurige Seite. Aber für so etwas bin ich zu alt.“   

Dabei geht es wohl nicht um das Alter. Seine 66 Jahre merkt man ihm sowieso kaum an. Morgens, vor dem Frühstück, ist er schon durch den Straussee gekrault. Ein drahtiger Herr mit blassblauen Augen und eisgrauen Haaren. Einen wie Sigmund Jähn möchte man fragen, ob er beim Umzug helfen kann. Er sieht aus, als könne er sperrige Möbel und noch ganz andere Dinge stemmen. Doch die Kinorolle des berühmten Kosmonauten, der nach der Wende Taxi fahren muss und von dem keiner weiß, was ihn wirklich über Wasser hält, sein Humor oder sein unerschütterlicher Glaube an den Sozialismus, diese Rolle ist ihm zu schwer. 

Dabei hätte nicht viel gefehlt, und er, die Geheimwaffe des Kommandos der DDR-Luftverteidigung, der Mann für besondere Fälle, hätte nach der Wende tatsächlich eine Bruchlandung erlebt. Jähn versucht gar nicht erst, das zu beschönigen: „Als General der Nationalen Volksarmee musste ich mich am 2. Oktober 1990 arbeitslos melden.“ 

Vielleicht hat ihn das an das Ende seines Höhenfluges am 3. September 1978 erinnert, in der kasachischen Wüste. Was dort passierte, daraus hat das Politbüro jahrelang ein Staatsgeheimnis gemacht. Keiner durfte wissen, dass die Landekapsel wie ein Gummiball vom Boden abprallte und einen dreifachen Salto machte, nachdem eine Sturmböe den Fallschirm wieder in die Luft gerissen hatte. Dass sich der Kosmonaut  bei diesem Berufsunfall das Rückgrat verletzte. Dass er „teilinvalidisiert“ wurde, wie Horst Hoffmann in seiner 1999 erschienenen Biographie schreibt: „Der fliegende Vogtländer.“ 

Küche in Eiche | Resch Innenausbau
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Eine Panne, die das Politbüro ebenso ausblendete wie die Tatsache, dass seine Geheimwaffe vor seinem Start mit 41 Jahren zum ersten Mal Großvater geworden war. Sie passte nicht zu dem Bild des alterslosen Helden. Dabei musste die Partei einem wie Jähn nicht einmal den roten Teppich ausrollen. Bei seiner Ankunft durch Berlin schlug ihm eine Stimmung entgegen, von der ein Korrespondent der staatlichen Nachrichtenagentur ADN 1999 schrieb, „eine ähnliche Begeisterung, die wirklich von Herzen kam, war zuvor nur Juri Gagarin oder Michail Gorbatschow zuteil geworden“. Den Wettlauf zum Mond mochten die Amerikaner gewonnen haben – zumindest im innerdeutschen Vergleich stand es jetzt 1:0 für die DDR. Ein Tor durch Freistoß. Der Schütze hieß Jähn. 

Im Westen war man nicht gut auf ihn zu sprechen. In der Welt führte Peter Boenisch den „Sachso-Germanen“ als „Mitesser in der Russen-Rakete“ vor. Man stelle sich die Schlagzeile vor, wäre nach außen gedrungen, dass den Helden seit jener Landung furchtbare Rückenschmerzen plagen. Er selber ist nicht gut auf dieses Thema zu sprechen. Ja, es sei wahr. Zu DDR-Zeiten hätte er einen Anspruch auf Teilinvalidenrente gehabt. Die Ärzte der Bundeswehr hätten sein Leiden aber nicht anerkannt. 

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Er ist es leid, sich zu rechtfertigen. Knüffe hat er von allen Seiten bekommen. Die einen warfen ihm vor, er habe in der DDR Privilegien genossen, von denen andere nur träumen konnten. Reisen ins Ausland. Einen Peugeot. Die Villa in Strausberg. Andere lästerten, er habe sich dem Westen nach der Wende angebiedert. Und zuletzt geriet er wegen seiner Spende für Erich Honecker in die Kritik. Jähn hatte dem schwerkranken Staats- und Parteichef a.D. Geld für seine Reise nach Chile dazugeschossen. „Ich lasse mir meine Überzeugung von niemandem vorschreiben“, knurrt er, wenn man ihn darauf anspricht.  

Am Ende hat er schließlich doch noch die Kurve gekriegt. Hat sein Leben wieder unter Kontrolle gebracht, nachdem ihn die Geschichte aus der Bahn geworfen hatte. Die European Space Agency (ESA) und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln haben ihn als freiberuflichen Ausbilder nach Moskau geschickt. Den Job hat ihm Ulf Merbold besorgt. Der Physiker stammt wie er aus dem Vogtland, ist aber 1960 in den Westen gegangen, weil er keinen Studienplatz bekam. Für seine Freunde tut Sigmund Jähn fast alles. Und als Merbold ihm erzählte, dass seine Mutter unbedingt in ihrer Heimat wandern wollte, ihr die DDR-Behörden aber die Einreise verweigerten, klemmte er sich ans Telefon. Wenig später hatte Mutter Merbold die Genehmigung. „Daran“, sagt Jähn und grinst, „hat sich Ulf  nach der Wende wohl erinnert.“ 

Dieses Porträt entstand 2003 nach einem Besuch bei Sigmund Jähn. Es ist u.a. in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau erschienen.  

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Originally posted 2018-12-31 09:01:33.